Auf dem Frachtschiff – eine Überfahrt mit Hindernissen
Es ist Mittwochmorgen. Inzwischen bin ich seit über 40 Stunden auf dem Frachtschiff. Eigentlich könnten wir längst auf den Komoren sein. Stattdessen befinden wir uns gerade einmal etwa fünf Kilometer vom Hafen in Kilwa entfernt – dem Ausgangspunkt unserer Fahrt. Die erste Nacht verbringen wir bei Ebbe im Hafen. Wir sind nicht rechtzeitig fertig geworden mit dem Beladen des Schiffes. Für die zweite Nacht sind wir früher dran. Doch dann setzt der Kapitän das Schiff auf eine Sandbank. Das bedeutet eine zusätzliche Nacht. Gerade haben wir das Frühstück, bestehend aus Reis und Fisch, hinter uns gebracht. Bei mir geht es in beide Richtungen – und endet schließlich bei den Fischen. Wir haben gerade erst das offene Meer erreicht und ich bin bereits seekrank. Die nächsten Stunden verbringe ich auf dem Oberdeck. Draußen haben wir es uns auf einer Matratze gemütlich gemacht, die eigentlich zum Teil der Fracht gehört. Genauso wie die Couch daneben. Nur das Essen, größtenteils aus Reis und Fisch bestehend, reißt uns aus der Routine. Langsam gewöhne ich mich an das Schwanken des Schiffes und den Rhythmus der Wellen.

Der verlorene Reisepass
„Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.“ Ich ahne noch nicht, dass die hohe See mein kleineres Problem sein wird. Während der Nacht auf hoher See erreichen mich weitere schlechte Nachrichten. Weniger als 24 Stunden trennen uns vom Hafen in Moroni auf den Komoren. Da werde ich vom Kapitän aus dem Schlaf gerissen: „Hast du deinen Reisepass bei dir?“, fragt er mich. Müde schüttele ich den Kopf und drehe mich wieder um. Nicht ahnend, was diese Frage auslösen würde. Aber gehen wir noch einmal zurück nach Tansania: Vor der Abreise hatte ich meinen Reisepass an den Ersten Offizier gegeben. Die Agentur der Reederei sollte sich um die Ausreiseformalitäten kümmern. Es wird das letzte Mal sein, dass ich meinen Reisepass sehe. Als bereits die Inselgruppe der Komoren in Sicht kommt, sitze ich auf der Brücke. Mir gegenüber sitzen der Kapitän und der erste Offizier. „Wir haben ein Problem“, eröffnet mir der Kapitän, der von den Komoren kommt. Auf Französisch fährt er fort: „Dein Reisepass fehlt.“ Noch hoffe ich auf ein Missverständnis – oder dass ich es missverstanden habe. Vielleicht wurde er nur verlegt. Ich nehme die Situation gelassen hin: „Er wird schon wieder auftauchen“, sage ich mir. Morgen oder übermorgen werden wir das Problem gelöst haben. Ich könnte nicht falscher liegen. Damit nimmt eine absurde Geschichte ihren Lauf.

Bei der Polizei
Kurz darauf sitze ich gemeinsam mit dem Kapitän im Büro der Einwanderungsbehörde, während die weiteren Mitreisenden nach wenigen Minuten ihren Einreisestempel erhalten und bald darauf wieder verschwunden sind. Wir werden noch mehr als zwei Stunden vor Ort bleiben. Dann bringt man uns auf der Ladefläche eines Pick-ups in die Polizeistation. Spätestens jetzt wird mir klar, dass alles eine ernste Sache ist. Aber – wahrscheinlich zu meinem großen Glück – weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich die Polizeistation in den nächsten 14 Tagen nicht mehr verlassen werde.
Weitere Informationen zur Überfahrt
Abfahrtsort: Port of Kilwa
Unterkunft in Kilwa: Nairo Village Guest House – Zimmer mit Bad ab 10 000 TZS ≈ 3€
Das Schiff: Captain Nas 2

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